Stille Nacht und die Aufklärung (#23)

Um 1800 gab es nach der Französischen Revolution gewaltige Umbrüche. Der Sturm auf die Bastei in Paris war auch ein Sturm auf die damalige gesellschaftliche Ordnung in ganz Europa. Eine Katastrophe für die großen und kleinen Machthaber.

Die Strukturen der Gesellschaft spiegelten sich auch in den Strukturen des Glaubens: Gott, der allmächtige Herrscher und Richter, bestimmt die Gebote und Regeln für die „Untertanen“, die Gläubigen, und verpflichtet sie zum Gehorsam. Lebt diese Vorstellung nicht noch immer in unseren Köpfen weiter? Wie viele Kriege werden damit gerechtfertigt? Ich meine die großen und kleinen „Kriege“, die Machtspiele in unserem Alltag.

Im Laufe der Geschichte haben sich viele religiöse Rituale und Bräuche entwickelt, die helfen sollten, die Nöte der Menschen zu lindern: vor den Blitzen zu schützen, gute Ernten einzufahren, Glück in der Liebe zu finden … Für jede Not war ein bestimmter Heiliger zuständig.

Ich möchte die schlichte Gläubigkeit der Menschen nicht geringschätzen. Sie drücken oft ein inniges Vertrauen zum lieben Gott aus – sie nehmen halt den Umweg über die Heiligen.

Stille Nacht kennt keine Heiligenverehrung, keine Rituale, die die menschlichen Sehnsüchte oder Wünsche erfüllen sollten. Stille Nacht kennt nur die „väterliche Liebe, mit der Gott in seinem Sohn die Völker der Welt umschloss“ (4. Strophe).

In Stille Nacht begegnen wir einem Gott, der sich nicht für Machtspiele missbrauchen lässt. Die Begegnung mit einem hilfsbedürftigen Kind ist es, was die Welt aufhellt. In Stille Nacht findet die Aufklärung ihren eigentlichen Sinn.

Stille Nacht bettet zärtlich die ganze Schöpfung in die Hände eines huldvollen Vaters, der nicht mit erhobenem Zeigefinger die Menschen zum Gehorsam mahnt, sondern zärtlich berührt. Machtspiele haben da keinen Platz.

Strukturen mögen für eine gesellschaftlich Ordnung nützlich sein – sie sind es aber nur vorläufig, sie erfüllen keinen Selbstzweck.

Joseph Mohr war ein Revolutionär, er hat die herkömmlichen Machtstrukturen umgedreht, die Hilfsbedürftigkeit des Jesuskindes gepriesen und all den Ballast, der sein Leben ständig begleitet hatte, auf die Müllhalde der Geschichte geworfen. Joseph Mohr ist in Lobpreis aufgegangen und hat damit auch Franz Xaver Gruber angesteckt!

Die Aufklärung ist noch nicht abgeschlossen, wir sind noch auf dem Weg – Gott sei Dank! So lebt die Sehnsucht, die unser Leben ausmacht, weiter.

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