Stille Nacht – Leben unterm Panzer! (#12)

Vor Weihnachten 2020, habe ich in 11 Blog-Beiträgen Gedanken über die sechs Strophen von Stille Nacht geteilt. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass es sich immer wieder um das Thema BEGEGNUNG drehte. Auch dieses Jahr möchte ich bis Weihnachten Gedanken über Stille Nacht mit dir teilen – vielleicht wird dich das eine oder andere Thema überraschen!?

Gibt es in deinem Leben neben deinen Eltern auch Menschen, ohne die dir dein heutiges Leben gar nicht vorstellbar wäre? Ich meine dabei nicht nur Freunde, liebevolle Tanten und Onkeln, „lästige“ Geschwister. Ich meine auch Menschen, deren Leben aus Brüchen bestand, geplagt von Zweifel und Minderwertigkeitsgefühlen, die trotzdem für dich wichtig waren und sind. Vielleicht kennst du sogar jemanden, dich inklusive, dessen Leben hauptsächlich aus Sehnsucht besteht?

Anna Schoiber, die Mutter Joseph Mohrs, begegnete schon in jungen Jahren dem Tod. Sie hatte mit 8 Jahren ihren Vater verloren! Wir sagen gerne: „die Zeit heilt Wunden, das Leben geht weiter“. Ja, es geht weiter – aber anders! Eine Stütze im Leben, die wegbricht, kann nicht beliebig ersetzt werden! Es bleibt eine Sehnsucht, die das ganze weitere Leben bestimmt – wie bei Anna.

Anna und ihre Mutter verdienten in Salzburg ihren Lebensunterhalt als Strickerinnen. Wichtige Kunden waren Leute vom Hof des Fürsterzbischofs waren: Beamte, Diener, Hofdamen, Stallknechte, etc. – Socken, Strümpfe, Fäustlinge, Mützen braucht ja jeder. Ich vermute, dass Mutter und Tochter Schoiber nicht nur als Lieferanten von warmen Socken eine Rolle spielten, sondern auch als Lieferanten von Herzenswärme – im Schatten des mächtigen Doms.

Anna Schoiber gebar Joseph als ledige Mutter. Sie musste bei der Behörde anzeigen, dass sie „auf dem Mönchsberg ein fleischliches Verbrechen begangen habe“. Diese Selbstanzeige minderte die Strafe, die für ein solches Vergehen vorgesehen war. Der wohlhabende Scharfrichter Wohlmut übernahm die Patenschaft und hat die Strafe beglichen. Eine gute Tat, die seinem Ansehen gut tat!

Anna Schoiber gebar vier Kinder – von verschiedenen Männern. Du kannst dir vielleicht den Ruf in dieser etablierten Gesellschaft voller Tabus vorstellen! Nur ein Panzer wie der einer Schildkröte konnte ihre Würde vor den Blicken der Mächtigen schützen. Unter dem Panzer bahnte sich das Leben aber trotzdem unbändig seinen Weg. Das Tabu bot Schutz zum Überleben, trotz Angst, Scham und schlechtem Gewissen. Die moderne Psychologie nennt das „Verdrängen“.

Unter dem schützenden Panzer hat das Leben gebrodelt. Beim kleinen Joseph ist dieses Leben zu Musik geworden. Der Domchorvikar Nepomuk Hiernle hat seine wunderschöne Stimme entdeckt und ihm eine Ausbildung ermöglicht. Als Sängerknabe in St. Peter und im Dom fand er seine Rolle im gesellschaftlichen Leben. Die Tabus blieben verdrängt.

1809, es war die Zeit der napoleonischen Kriege, ist das Leben in Salzburg schwierig geworden. Da besuchte Joseph zwei Jahre hindurch das Gymnasium im Stift Kremsmünster und verdiente sein Leben als Musiker. Dort wurde er aber als elternlos registriert. Nur der Domchorvikar Nepomuk Hiernle wurde als Ziehvater angegeben. Hat Joseph seine Mutter verleugnet? Warum hat Hiernle mit-verdrängt?

Mariapfarr 1816, die ersten Weihnachten Joseph Mohrs als junger Priester, weit weg von seiner vertrauten Welt in der Stadt Salzburg, da ist sein schützender Panzer geplatzt. Sein Tabu-Gebäude ist in sich zusammengestürzt, die Plagegeister seiner Herkunft tauchten erbarmungslos auf, die verdrängten Wunden – ein einziger Schmerz. Nun stand er da, wie nackt und ungeschützt! Schande, Armut, das schlechte Gewissen demütig ertragen – brav die Gebote erfüllen, das alles half nichts!

Das Leben hat den Panzer und die starren Mauern gesprengt – auch jene der „mächtigen unfehlbaren“ Kirche.

Die Liebe zwischen Mutter Anna und Sohn Joseph, auch wenn sie nur aus Sehnsucht bestand, hat Leben zum Keimen gebracht, ausgetragen im Schoß der Kirche. So wurde aus dem verachteten Abschaum der Gesellschaft ein Lied geboren, das bis heute viele Millionen von Menschen rund um den Erdball im Herzen berührt.

Das ist die Weihnachts-Botschaft von STILLE NACHT.

2 Kommentare zu „Stille Nacht – Leben unterm Panzer! (#12)“

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