Stille Nacht – DAS Friedenslied (#6)

Im letzten Blog haben wir den Lobpreis an die Hoffnung in der 3. Strophe betrachtet. 

Heute, die 4. Strophe: Stille Nacht, DAS Friedenslied.

4. Strophe

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt.
Jesus die Völker der Welt.

HEUTE – nicht gestern, nicht morgen, nicht vor 2000 Jahren – HEUTE hat sich väterliche Liebe über uns ergossen – wie, von woher? Vom Jenseits? Das sind akademische Fragen, sind sie wichtig? Wir aufgeklärten Leute wollen immer alles ergründen, wo die Dinge ihren Ursprung haben, warum etwas wie passiert, …. Das ist ja OK! Aber stell dir mal vor, du lässt alle diese Fragen beiseite und du schaust einfach nur, und bist ganz Ohr, still, da entstehen Gedanken und Gefühle jetzt – und da hörst du jemanden flüstern/leise singen: väterliche Liebe – huldvoll umschloss – heute – Bruder/Schwester – Familie – Jesus – wir gehören zusammen – die Völker der Welt – dann Stille…

Joseph Mohr träumt nicht vom Jenseits, er steht mitten im Leben, als Priester im Pfarrhof in Mariapfarr, seine Gedanken und Gefühle münden in Stille Nacht, es war sein Hier und Jetzt – in dieser Welt, wo du und ich heute zu Hause sind, wir sind nicht allein, die Völker sind nicht Fremde, weder die Russen, noch die Kongolesen noch die Perser, noch die Inder, noch die Latinos. Alle Menschen sind Brüder und Schwestern. Das schreibt Joseph Mohr, nachdem nur wenige Jahre zuvor noch die europäischen Völker sich einander in mörderischen Kriegen zerfleischt hatten. Was für ein Gedicht, eingebettet in diese Geschichte!

Stille Nacht drückt Friedenssehnsucht aus, ohne Friedens-Appell einer Moralinstanz, Stille Nacht ist ein Lobpreis an den Frieden, den Joseph Mohr auch in sich selbst gefunden hatte. Versöhnt mit seiner persönliche Geschichte, bricht er in Jubel aus, weil es jemanden gibt, der sein Leben als Bruder teilt. Mohr besingt nicht Jesus als Opfer, noch die Erlösung am Kreuz, er beklagt nicht das Leiden, das Leben dahinter zählt – und die Heiligen spielen auch keine Rolle, er preist das pure Leben, das in väterlichen Händen ruht.

Bist du gläubig? Ja? Es glaubt ja jeder Mensch an etwas, es muss doch ein „höheres Wesen“ geben, oder? Joseph Mohr scheint ein Atheist gewesen zu sein! Sein Glaube zielt nämlich nicht ins Jenseits, er glaubt nicht an eine höhere Macht, der wir unterworfen sind. Er spielt nicht das gefährliche Spiel mit Gott hoch droben, mit dem sich auch „trefflich“ Macht auf Erden ausüben ließe! Schau in die Geschichte hinein, wie viel Blut ist im Namen der Religion geflossen!

Joseph Mohr also ein Atheist? Er muss ein guter Theologe gewesen sein. Bei ihm haben Glaube und Leben hier und jetzt zusammengefunden. 

Die Israeliten haben Jahwe als ihren Gott erfahren, weil er sie aus der Knechtschaft und aus der Wüste ins gelobte Land geführt hat. Die Psalmen besingen überschwänglich diese Befreiung! Die gleiche Erfahrung hat Joseph Mohr gemacht: Der Rucksack seiner Vergangenheit hatte schmerzhaft gedrückt. Aber die bitteren Tränen in schlaflosen Nächten in der Einsamkeit in Mariapfarr haben sich in süßen Honig verwandelt. Ein zartes Licht in der Ferne hatte ihm Hoffnung gegeben – und die Gewissheit der Rettung aus seiner dunklen Nacht. Er hat Geborgenheit im Glauben gefunden, wie ein kleines Kind in den Armen der Mutter.


Mohr spricht zärtlich von Vater, Bruder, huldvoller Umarmung, …. HIER begegnen einander Himmel und Erde. Das ist die Frohbotschaft der Menschwerdung Gottes, die Joseph Mohr verkündet. Sie mündet in einen schlichten Lobpreis, denn wir SIND Brüder/Schwestern. Hier ist kein Platz für eine Moralpredigt!

Im nächsten Blog betrachten wir die 5. Strophe. Die Moralisten werden dort ein Auge zudrücken müssen, …. Aber nur EIN Auge, bitte!!!

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