Stille Nacht – ein Friedensappell? (#7)

Grüß dich!

Im letzten Blog haben wir die 4. Strophe von Stille Nacht als DAS FRIEDENSLIED betrachtet.

Heute: Friede, ein moralischer Appell?

5. Strophe

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht, 
Als der Herr vom Grimme befreit
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß,
Aller Welt Schonung verhieß.

Diese Strophe richtet sich gegen alle Weltuntergangs-Prediger, gegen die Pessimisten, gegen die Kleingläubigen, gegen die Moralisten, gegen alle Menschen, die die Welt in „Gut“ und „Böse“ einteilen wollen! Sie glauben sie seien Säulen des Anstands in der Gesellschaft, sie treten aber die Würde der Menschen mit Füßen – die Würde der Völker, die Würde der Schöpfung!

Es lastet KEIN Grimm auf der Schöpfung. Die Schöpfung ist befreit von Schuld, wir sind Teil ihrer Würde, hoch erhaben über Kirchturm-Kleingeister. Die Geschichte ist nicht vom ewigen Verderben bedroht! Der „Herr“ richtet nicht, er ist kein Herrscher, kein Gebieter. Unsere „Verfehlungen“ interessieren ihn nicht! Lies in der Bibel das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ = es ist die Geschichte vom „Barmherzigen Vater“ (Lk. 15, 11-32)! Siehst du: Gottes Macht liegt in der Güte, er sieht gar nicht die Schuld, und er lässt sich von keiner Instanz religiös vereinnahmen. Wir sind keine verlorenen Schafe und keine unterdrückten Sklaven! – Kann mir jemand aus dieser Strophe was anderes herauslesen? ….. Warum wird es jetzt so still ….!? 

Nimm die Moralisten nicht zu ernst, sie sind oft keine ehrlichen Makler, sie kauern eingesperrt hinter Mauern, in ihrer eigenen Welt. Sie glauben die Menschheit von dort heraus retten zu müssen. Sie spenden dir keinen Trost. Hilflos vertrösten sie dich auf das Jenseits, was hilft dir das zum Leben im Hier und Heute? 

Der Glaube des katholischen Priesters Joseph Mohr heißt Freiheit! – geborgen in den Armen des Schöpfers! Kein Platz zum Klagen, nur Lobpreis! Hat er dabei den wahren Glauben verloren? Eine unnütze Frage! Seine Botschaft im Weihnachtsgedicht Stille Nacht ist die Froh-Botschaft seine christlichen Glaubens – es entstand damals, als er ganz auf diesen Glauben angewiesen war. 

Die Hüter von Sitte und Moral in der Kirche sind es für Mohr nicht wert, sie beim Namen zu nennen: Er sagt es ohne Worte in seinem Weihnachtsgedicht: vergiss die Moralprediger! Du bist frei – schon immer gewesen! Deine Verantwortung für das Leben ist Geschenk, keine erdrückende Bürde, vergiss deine Minderwertigkeitsgefühle! Deine Selbstzweifel drängen dich nur in lähmende Starre. Verscheuche all diese Plagegeister! Du bist ein Teil der Schöpfung, du mit deiner krummen Nase, mit deinen O-Beinen, mit deinem schrulligen Blick, ….. – so wie du bist!

Im nächsten Blog betrachten wir in der sechsten und letzten Strophe die Hirten mit ihren „offenen Ohren“ – keine Schäferidylle!

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Stille Nacht – DAS Friedenslied (#6)

Im letzten Blog haben wir den Lobpreis an die Hoffnung in der 3. Strophe betrachtet. 

Heute, die 4. Strophe: Stille Nacht, DAS Friedenslied.

4. Strophe

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt.
Jesus die Völker der Welt.

HEUTE – nicht gestern, nicht morgen, nicht vor 2000 Jahren – HEUTE hat sich väterliche Liebe über uns ergossen – wie, von woher? Vom Jenseits? Das sind akademische Fragen, sind sie wichtig? Wir aufgeklärten Leute wollen immer alles ergründen, wo die Dinge ihren Ursprung haben, warum etwas wie passiert, …. Das ist ja OK! Aber stell dir mal vor, du lässt alle diese Fragen beiseite und du schaust einfach nur, und bist ganz Ohr, still, da entstehen Gedanken und Gefühle jetzt – und da hörst du jemanden flüstern/leise singen: väterliche Liebe – huldvoll umschloss – heute – Bruder/Schwester – Familie – Jesus – wir gehören zusammen – die Völker der Welt – dann Stille…

Joseph Mohr träumt nicht vom Jenseits, er steht mitten im Leben, als Priester im Pfarrhof in Mariapfarr, seine Gedanken und Gefühle münden in Stille Nacht, es war sein Hier und Jetzt – in dieser Welt, wo du und ich heute zu Hause sind, wir sind nicht allein, die Völker sind nicht Fremde, weder die Russen, noch die Kongolesen noch die Perser, noch die Inder, noch die Latinos. Alle Menschen sind Brüder und Schwestern. Das schreibt Joseph Mohr, nachdem nur wenige Jahre zuvor noch die europäischen Völker sich einander in mörderischen Kriegen zerfleischt hatten. Was für ein Gedicht, eingebettet in diese Geschichte!

Stille Nacht drückt Friedenssehnsucht aus, ohne Friedens-Appell einer Moralinstanz, Stille Nacht ist ein Lobpreis an den Frieden, den Joseph Mohr auch in sich selbst gefunden hatte. Versöhnt mit seiner persönliche Geschichte, bricht er in Jubel aus, weil es jemanden gibt, der sein Leben als Bruder teilt. Mohr besingt nicht Jesus als Opfer, noch die Erlösung am Kreuz, er beklagt nicht das Leiden, das Leben dahinter zählt – und die Heiligen spielen auch keine Rolle, er preist das pure Leben, das in väterlichen Händen ruht.

Bist du gläubig? Ja? Es glaubt ja jeder Mensch an etwas, es muss doch ein „höheres Wesen“ geben, oder? Joseph Mohr scheint ein Atheist gewesen zu sein! Sein Glaube zielt nämlich nicht ins Jenseits, er glaubt nicht an eine höhere Macht, der wir unterworfen sind. Er spielt nicht das gefährliche Spiel mit Gott hoch droben, mit dem sich auch „trefflich“ Macht auf Erden ausüben ließe! Schau in die Geschichte hinein, wie viel Blut ist im Namen der Religion geflossen!

Joseph Mohr also ein Atheist? Er muss ein guter Theologe gewesen sein. Bei ihm haben Glaube und Leben hier und jetzt zusammengefunden. 

Die Israeliten haben Jahwe als ihren Gott erfahren, weil er sie aus der Knechtschaft und aus der Wüste ins gelobte Land geführt hat. Die Psalmen besingen überschwänglich diese Befreiung! Die gleiche Erfahrung hat Joseph Mohr gemacht: Der Rucksack seiner Vergangenheit hatte schmerzhaft gedrückt. Aber die bitteren Tränen in schlaflosen Nächten in der Einsamkeit in Mariapfarr haben sich in süßen Honig verwandelt. Ein zartes Licht in der Ferne hatte ihm Hoffnung gegeben – und die Gewissheit der Rettung aus seiner dunklen Nacht. Er hat Geborgenheit im Glauben gefunden, wie ein kleines Kind in den Armen der Mutter.


Mohr spricht zärtlich von Vater, Bruder, huldvoller Umarmung, …. HIER begegnen einander Himmel und Erde. Das ist die Frohbotschaft der Menschwerdung Gottes, die Joseph Mohr verkündet. Sie mündet in einen schlichten Lobpreis, denn wir SIND Brüder/Schwestern. Hier ist kein Platz für eine Moralpredigt!

Im nächsten Blog betrachten wir die 5. Strophe. Die Moralisten werden dort ein Auge zudrücken müssen, …. Aber nur EIN Auge, bitte!!!

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Trost im Chaos (#5)

Die Betrachtung der 2. Strophe von Stille Nacht im letzten Blog klang für kleingläubige Christen vielleicht ketzerisch.

Die heutige Betrachtung wird Trost spenden.

3. Strophe

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
aus des Himmels goldenen Höhn
uns der Gnaden Fülle lässt sehen
Jesum in Menschengestalt! 
Jesum in Menschengestalt.

1816, im Salzburger Land rundherum nur Chaos! Das Land ausgeblutet nach den napoleonischen Kriegen, im Jahr ohne Sommer – diese Ernteausfälle nach dem Vulkanausbruch in Indonesien ein Jahr zuvor, Leute/Kinder sind buchstäblich verhungert und dann noch das dramatische persönliche Schicksal Mohrs – ich werde in einem späteren Blog darüber mehr erzählen! Müsste er nicht eher rausschreien: „Lieber Gott, warum tust du uns das an?“! „Du prächtiger Dom in Salzburg, warum schützt du uns nicht!?“ Für Joseph Mohr eine harte Probe des Glaubens!

Mohr tröstet sich nicht hinweg mit dem Blick auf das Jenseits! Er bittet nicht um Hilfe in der Not. Er klagt nicht an! Staune! Er jubelt!: Gott, du teilst unser Schicksal, du bist einer von uns Menschen geworden! – nicht als Macher, sondern als hilfsbedürftiges Kind! Spürst du es, da geht Wärme aus von diesem Jubel! Wir sind nicht allein! Unsere Hilfsbedürftigkeit ist unsere Stärke! – Das ist das Heil, das das Jesuskind in die Welt gebracht hat.

Jesum in Menschengestalt – er ist wirklich einer von uns geworden – nicht nur in Israel vor 2.000 Jahren, auch heute in Salzburg, in Saudi Arabien, in der Ukraine, in China, Burundi, in Peru, – ja sogar im Vatikan! Die Gnade spielt sich nicht im Himmel ab, sondern bei den Menschen, dort, wo Menschen einander begegnen – und das in Fülle! Die Bibel beschreibt es in der Auferstehungsgeschichte so: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Lk. 24,5

Wir wissen, dass Joseph Mohr ein guter Theologe war. Er hat intensiv studiert und dadurch eine Sicht von christlicher Erlösung gewonnen, die so gar nichts mit der damaligen traditionellen Theologie zu tun hatte: die Erlösung der Menschheit geschah nicht durch ein Opfer, den Kreuzestod Jesu, sondern dadurch, dass er historisch real einer von uns geworden ist und unser Leben teilt! Meine evangelischen Mitchristen mögen keine Steine auf mich werfen – auch nicht auf Joseph Mohr! Lassen wir es einfach so stehen.

Im nächsten Blog werde ich die 4. Strophe betrachten. Es ist jene Strophe, die Stille Nacht zu DEM Friedenslied macht.

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