Kirche als „Inkubator“ (#19)

Ist Stille Nacht ein Kirchenlied? Es enthält die Kernbotschaft des christlichen Glaubens! Aber warum hat es in der kirchlichen Liturgie keinen Platz gefunden?

Stille Nacht wird normalerweise außerhalb der Liturgie gesungen – meist nach der Christmette – und im privaten und intimen Rahmen in einer familiären Weihnachtsfeier.

Wir erfreuen uns an feierlichen Messen – ein Kunstgenuss, der unser Gemüt bewegt. Erleben wir dabei auch den Kern der christlichen Botschaft? Ja, irgendwie schon, das Feierliche, die Hoch-Stimmung trägt ja gen Himmel. Das Schöne hat immer etwas Göttliches an sich – aber was ist mit jenen, die verzweifelt am Boden liegen, weit weg von jedem Kunstgenuss?

Frage: Ist die Kirche die Hüterin „ewiger Wahrheiten“?
Ja, sie ist aber kein Eisschrank, der Wahrheiten konserviert. Ihre Dogmen sind keine göttlichen Pflöcke, an denen sich der wahre Glaube zu orientieren hat!

Als Machtfaktor hat die Kirche immer wieder die Verkündigung der Frohbotschaft aus den Augen verloren und vielen Menschen auch schreckliches Unglück gebracht. Sie wurde in der Verkündigung der christlichen Botschaft nur wirksam, wenn Menschen die sicheren Häfen der etablierten Kirche verließen und zu neuen Ufern aufbrachen. Franz von Assisi möge ein Beispiel dafür sein.
Die Kirche wurde nach der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert zu einer mächtigen Institution, die sich durch die Gründung des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ noch weiter verfestigte.

Als sie aber begann, mit den Mächtigen dieser Welt zu liebäugeln, lief sie immer wieder Gefahr, die eigentliche christliche Botschaft aus den Augen zu verlieren – allzu oft ist sie in der Geschichte dieser Gefahr erlegen.

Ein Wunder: Der Kern der christlichen Botschaft ist – auch unter den Trümmern der Geschichte – lebendig und keimfähig geblieben! Die Kirche hat immer wieder Menschen hervorgebracht, die diesen Keim zum Leben erweckt und zum Blühen gebrachten haben.

Das waren nicht immer besonders fromme Menschen, die die Gebote Gottes besonders brav und streng befolgt haben. Es waren „Aussteiger“, die die sicheren Mauern verlassen haben.

Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber waren keine Heiligen. Sie passen in kein Schema für einen Heiligsprechungsprozess! Sie haben keine Wunder gewirkt – oder doch? Ihre Wunder kamen aber nicht aus dem Jenseits. Ihr Wunder: Sie haben die Herzen von Millionen von Menschen berührt und tun das bis heute.

Die Bitten an Gott um Hilfe in der Not zeigen inniges Vertrauen zum Schöpfer, sie sind aber für Gruber und Mohr kein Thema. Ihr Thema: Lobpreis, weil wir in den Händen eines „huldvollen Vaters“ geborgen sind, wie ein Kind auf dem Schoß seiner Mutter. Das ist der Kern der christlichen Botschaft.

Die Kirche ist Verwalter dieser christlichen Botschaft. Ihre Machtstrukturen, ihre Moralpredigten, ihr Pomp können den Kern dieser Botschaft nicht ersticken. Gruber und Mohr, beide tief in der Kirche verwurzelt, haben durch ihre Begegnung diesen Kern gefunden und in Stille Nacht zum Blühen gebracht. Die Kirche war Inkubator, der dieses Wunder ermöglicht hat.

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