Die Macht der Hilflosigkeit (#22)

Stille Nacht umfängt viele Millionen von Menschen auf der ganzen Welt wie eine unsichtbare Macht! Da muss es etwas in uns Menschen geben, was als Lebenskraft in uns schlummert und durch Stille Nacht geweckt wird – und uns verbindet.

Stille Nacht berührt große und kleine „Kinder“. Es weckt die Zuneigung, die jeder Mensch wie die Luft zum Atmen braucht! Da steckt viel
Gern-Haben drinnen. Da sind wir Menschen ganz wir selbst.

Hilflosigkeit, Not, Armut „provozieren“ Helfen. Das ist gut, aber ist es nur das Helfen, was eine Beziehung ausmacht? Das Helfen kann in unserem Beziehungsgeflecht auch Rollen zuteilen und dadurch Macht ausüben. Eine Begegnung aber, die auch ohne Helfen auskommt, verhindert, dass das Helfen zu einer bedrohlichen Macht wird.

Die vierte Strophe in Stille Nacht spricht nicht von Helfen. Sie drückt es so aus: „… wo sich heut‘ alle Macht väterlicher Liebe ergoss und als Bruder huldvoll umschloss, Jesus die Völker der Welt“.

In herkömmlichen Kommentaren wird oft gesagt, dass Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr die Menschen in der damals so schwierigen Zeit mit Stille Nacht trösten wollten.

Ich meine: Helfen und Trösten sind bei Stille Nacht kein Thema.
Helfen ist eine schöne christliche Tugend. Aber wenn die christliche Botschaft auf Helfen reduziert wird, so etwas wie „helfen ist christliche Pflicht“, verliert sie den Kern der christlichen Botschaft und tappt in eine unchristliche Falle: Es trübt die schlichte Frohbotschaft, dass unser Schicksal in den Händen eines uns in Liebe zugeneigten Vaters liegt.

Klingt das egoistisch? Ja, weil ich da ganz Ich bin – geliebt, getröstet, geschützt, geborgen. Spricht das gegen das Helfen? Im Gegenteil! Es befreit vom Verpflichtungsstress und öffnet den Weg zu einer fruchtbaren Begegnung, die ohne Hilfsapelle auskommt. Das Teilen bekommt in Stille Nacht eine göttliche Dimension, weil Gott unser Schicksal als Bruder teilt.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Hilfe auf der Welt ist bitter nötig, Hilfsappelle auch. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, das auf Solidarität angewiesen ist. Stille Nacht ist aber ein Lobpreis, aus dem diese Solidarität ohne Machtanspruch erstehen kann.

Ich meine auch: Hilflosigkeit, Schwachheit, Bescheidenheit sind Machtfaktoren, die keine Machtstrukturen benötigen. Der Lehrer Franz Xaver Gruber war kein Oberlehrer, der seinem Freund Joseph Mohr Ratschläge erteilt hat. Es war die eng freundschaftliche Begegnung der beiden, die zu Musik geworden ist und uns so Kräfte freigesetzt hat, die bis heute die ganze Welt bewegen!

Hilfsprojekte, Predigten, soziales Engagement gewinnen ungemein an Strahlkraft, wenn sie aus dem Herzen strahlen und nicht an Machtstrukturen kleben. So werden sie zu Machtfaktoren – wie Stille Nacht.

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