Joseph Mohr – ein lediges Kind wird Priester (#9)

In den vergangenen Blogs haben wir uns Gedanken über die Geschichte hinter den einzelnen Strophen von STILLE NACHT gemacht.

Ist schon alles gesagt? Oh, nein, noch lange nicht! Das Thema von heute: Joseph Mohr, der Priester

Es gibt viele schöne Legenden, die berühren – auch genug über Stille Nacht. Stille Nacht berührt aber irgendwie anders, oder? Ist dieses Lied nicht mehr als „schön“?

Sollen wir Philosophen, Theologen oder vielleicht Künstler danach fragen? Die hätten doch alle einiges dazu zu sagen!

Ich will mit dir einen anderen Weg gehen: ich will den beiden Schöpfern von Stille Nacht, Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber, direkt begegnen. 

Heute betrachten wir – besser: begegnen wir – dem Priester Joseph Mohr. Im nächst Blog dem Lehrer Franz Xaver Gruber. Und im übernächsten Blog – noch vor Weihnachten – machen wir uns Gedanken über die Begegnung der beiden.

Stell dir vor, vor gut 200 Jahren, 1792, als Joseph Mohr geboren wurde, herrschte noch ein Erzbischof als geistlicher Fürst über Salzburg, also ein Herrscher über „Himmel und Erde“. Das Bürgertum aber beginnt sich nach der Französischen Revolution zu emanzipieren. Durch Jahrhunderte gewachsene Strukturen und Traditionen beginnen sich aufzulösen. Der liebe Gott und seine „Vertreter auf Erden“ haben Macht eingebüßt, es sind keine Mächte im Hintergrund, die unser Schicksal lenken. Auch ICH habe Verantwortung zu übernehmen! Die Schutzheiligen haben ausgedient! Welche Herausforderung! Die Zeit der Aufklärung ist auch die Zeit der Suche nach Identität. Also eine Zeit gravierender Umbrüche in Kirche und Gesellschaft, mit schmerzhaften Spannungen zwischen Aufbruch und Bewahrung.

Joseph Mohr wurde in Salzburg als lediges Kind geboren. Die Mutter, Anna Schoiber, hat den desertierten Soldaten Joseph Mohr (sen.) als Vater angegeben. Taufpate war der wohlhabende Scharfrichter Wohlmuth! Er wollte auch was Gutes tun! Ein lediges Kind damals, für die Gesellschaft ein Kind der Schande, für die Kirche ein Kind der Sünde! Anna musste dafür auch Strafe zahlen. Im Fornikationsprotokoll (=Hurenprotokoll) gab sie an, auf dem Mönchsberg ein „fleischliches Verbrechen“ begangen zu haben. Anna hatte vier ledige Kinder – von verschiedenen Männern! Also: kein guter Ruf! Welche Demütigung! In diese gesellschaftlichen Umstände wurde Joseph Mohr hinein geboren! Es ist eine Welt, aus der heraus auch die Kleinkriminellen stammen!

Traust du dir ein Urteil über Anna Schoiber zu? Nein, gell?! Wir fühlen mit ihr, oder? Was steckt da dahinter? Als Anna 8 Jahre alt war, hat sie ihren Vater verloren, er war Salzschreiber in Hallein. Gerade in diesem Alter, beim Erwachen ihrer Sehnsüchte als junges Mädchen, hätte sie ihn so dringend gebraucht. So blieb sie mit ihren Träumen allein. Mit der Übersiedlung in die Stadt Salzburg hat sie auch ihre Freunde in Hallein verloren. Ihren Lebensunterhalt in Salzburg bestritt sie als Strickerin. – die Sehnsucht nach Liebe blieb.

Ob Anna mit dem kleinen Joseph zärtlich umgegangen ist, wissen wir nicht. Aber die Liebe, die vielleicht nur aus Sehnsucht bestand, hat den Buben so stark gemacht, dass diese Liebe beim kleinen Joseph zu Musik wurde. Seine Stimme war so schön, dass ihn der Domchorvikar Hiernle für den Knabenchor in St. Peter entdeckte und ihm eine Ausbildung ermöglichte. So kam Joseph Mohr zum Priestertum. Ob das eine ganz freiwillige Entscheidung war? Auf alle Fälle war Mohr ein Vollblutmusiker. Mit zwölf spielte er schon die Violine im Universitätsorchester in der Kollegienkirche – Balsam für sein Selbstbewusstsein! Als es in der napoleonischen Zeit (1809/1810) in Salzburg allen richtig schlecht ging, verdiente Mohr sein Studium als Musiker in Kremsmünster. – aber: registriert als „elternlos“! Nur Hiernle wird als Ziehvater genannt. Wie denn das?

Hat Joseph Mohr seine Mutter verleugnet? Hat er seine Herkunft verdrängt? Ich glaub, solche Schattenseiten des Lebens waren einfach Tabu. Ein Musiker kennt „Gott und die Welt“, spielt seine Rolle in der Gesellschaft und im kirchlichen Geschehen – da war einfach kein Platz für Schande! Ich sehe Mohr als einen, der im täglichen Leben seine innere Zerrissenheit durch Musik und Aktionismus überspielt hatte. Es werden ihm auch aufmüpfige Charakterzüge gegenüber der kirchlichen Obrigkeit nachgesagt. Ich glaube, er war ein frommer Draufgänger mit betäubtem schlechten Gewissen! Und wie ging es ihm auf seiner ersten Dienststelle als Priester in Mariapfarr?

In der Stadt Salzburg hatte Joseph Mohr seine Rolle gespielt. Als Musiker eingebettet im gesellschaftlichen Leben, erfolgreich im Studium der Theologie, offen für das moderne Denken der Aufklärung, angesehen als angehender Priester, …. Und jetzt in Mariapfarr?

Weit weg von den Freunden in der Stadt Salzburg, beschwerliches Landleben, Mitarbeit in der Landwirtschaft, Allein im kalten Pfarrhof! Mit-Priester, – verständnisvoll für die neuen Ideen dieses jungen Priesters aus der Stadt? Die schlichte Gläubigkeit der Pilger aus dem ganzen Lungau hat ihn wohl daran erinnert, worauf es wirklich im Leben ankommt. „Was mach ich jetzt mit meiner Theologie?“ mag er sich gefragt haben. 

Jetzt, in der Einsamkeit, bricht sie erbarmungslos herein, seine verdrängte persönliche Geschichte, die er sein ganzes Leben hindurch verdrängt hatte. „Wer bin ich, was will ich, was kann ich …“. Alle diese Fragen eine einzige Qual – voller Scham? Seine Berufung und seine Ideale als Priester, seine Sehnsucht nach Liebe, das alles muss ihn herzzerreißend hergenommen haben. Ich bin mir ganz sicher, dass er Nächte durchgeweint hat. 

Vor Schmerz gekrümmt am Boden liegend, allein, von jeder Theologie verlassen – – dann: „schau! – ich bin nicht allein, ich hab einen Bruder, als Kind hilflos wie ich! Auch ich bin geborgen in den Armen der Mutter!“ Es waren Geburtsschmerzen, die sich jetzt in Freude verwandeln! Seine Theologie hat plötzlich Leben bekommen – Trost, Vertrauen, Hoffnung. „Ich bin nicht ein Kind der Schande, sondern ein Kind der Liebe“. Er besingt seine Freude in einem Gedicht: Stille Nacht. Er hat es nur für sich geschrieben – bis er zwei Jahre später einen Freund fand, mit dem er es teilen konnte. Franz Xaver Gruber, Lehrer in Arnsdorf. 

Im nächsten Blog werden wir ihm begegnen.

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