Stille Nacht – biblische Wurzeln (#20)

Keine Angst, ich werde dich nicht mit einem theologischen Diskurs langweilen! Ich möchte nur ein paar Gedanken, die mir unter den Nägeln brennen, mit dir teilen.

Die Heilsgeschichte des Christentums ist auch in Joseph Mohr Geschichte geworden. Es ist eine Begegnungsgeschichte, die schon im Alten Testament im 2. Buch Mose eindrucksvoll geschildert wird: Nach vier Jahrhunderten der Versklavung des Volkes Israel in Ägypten, offenbart sich Gott als Begegnung mit Moses im brennenden Dornbusch (Exodus 3).

Der einfache Hirte Moses bekommt von Gott den Auftrag, sein Volk aus der Versklavung zu befreien und ins gelobte Land zu führen. Der brennende Dornbusch, der nicht verbrennt, bezeugt die Botschaft, dass die Israeliten die Unterdrückung, Versklavung überstehen werden. So offenbart sich Gott nicht vom Himmel herab, sondern als Brennen, das das Volk Israel begleitet.

Nicht die Götter-Kultstätten anderer Völker sind heilige Orte, sondern das Brennen, das Brennen heute ist das Heiligtum, vor dem man die Schuhe in Ehrfurcht ausziehen muss. Jene, die Tempel bauen, sind Heiden. Gott ist kein thronender Herrscher über die Menschen, sondern Feuer – das Brennen ist heilig, der Dornbusch ist das Leben – die Dornen gehören dazu.

Diese Botschaft aus dem Alten Testament hat gewaltig viel mit uns heute zu tun! Wir sind in kirchliche und gesellschaftliche Strukturen eingebunden und leben mit Schlössern, Kirchen, Kathedralen, Klöstern, Hierarchien … sie werden aber alle zu Asche, nur das Brennen bleibt ein ewiges Heiligtum!

Stell dir das Wort „Gott“ als Eigenschaftswort vor: Ein Zitat eines altgriechischen Philosophen sagt (sein Name ist mir nicht präsent): „Es ist gott, wenn zwei Liebende einander begegnen“. Du kannst auch deine brennende Sehnsucht „gott“ nennen. Gott ist nicht ein starres, statisch herrschendes Subjekt, von dem man sich ein Bild machen kann. Gott ist das Brennen im Leben – ein Brennen bis in die Haarspitzen hinein.

Was hat das alles mit Stille Nacht zu tun? Für Joseph Mohr ist der brennende Dornbusch in Jesus Mensch geworden – Brennen, Liebe, Sehnsucht gehören zusammen. Der göttliche Mund strahlt zärtlich Liebe aus, er lacht, liebevoll betrachtet vom heiligen Paar (2. Strophe)! Das ist der Gnaden Fülle (3. Strophe). Das ist die Macht väterlicher Liebe, mit der er als Bruder die Völker der Erde umschloss (4. Strophe).

Joseph Mohr stand in Mariapfarr vor einem brennenden Dornbusch. Alles, was sein Leben bedrückt hatte, war zu Asche geworden, es blieb das Brennen, sonst nichts! Es war ein Brennen in Geborgenheit, wie in den Armen einer Mutter. Nenn´ es Sehnsucht, die nie gestillt werden kann, die brennt, ohne jemals zu verbrennen, ohne Asche.

Das ist das Heilige: Bei den Israeliten hatte die Erfahrung des Einzugs ins Gelobte Land nach ihrem mühseligen Gang durch die Wüste, in die Lobpreisungen in den Psalmen gemündet. Bei Joseph Mohr ist das Heilige in das Weihnachtsgedicht Stille Nacht geflossen. Paläste, Tempel, Kathedralen, die Macht der Hierarchien und ihre starren Strukturen sind für die Asche bestimmt.

Ein Gedanke zu „Stille Nacht – biblische Wurzeln (#20)“

  1. Eine wunderbare Auslegung mit tiefgehender Resonanz im Herzen. Viele wissen aber nicht, dass das Lied mehr als die landläufig gesungenen 3 Strophen hat. Der Textteil “ als der Herr vom Grimme befreit, in der Väter in urgrauer Zeit, aller Welt Schonung verhieß“ wäre gerade in der heutigen Zeit eine tröstliche Aussage, ja fast ein Versprechen.

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